Sankt Stephanus, die "alte Kirche"

1412 vermachte Pfarrer Johann Zenger aus Perschen der Kirche in Stulln acht Gulden. Damit ist der Beweis erbracht, dass der Ort, der stets in Abhängigkeit zu Schwarzenfeld stand, ein eigenes Gotteshaus besaß. Es ging im Hussitensturm zu Beginn des 15. Jahrhunderts zu Grunde. In der Zeit, als im Süden die Gotik von den Formen der Renaissance langsam abgelöst wurde, entstand um 1500 die neue Kirche. Sie hat das Aussehen einer kleinen, gedrungenen Burg. Das wuchtige Mauerwerk des klobigen, massiven Turmes dürfte entschieden früher entstanden sein als das angebaute Kirchenschiff und den Menschen in unsicheren Zeiten als Zufluchtsstätte und als Wehrturm gedient haben.


Ein paar schmale Fenster erhellen den einfachen, flach gedeckten Innenraum. Ein Chronist schilderte einst beeindruckt die wertvollen Kunstdenkmäler aus der Entstehungszeit. „Zwei geschnitzte Reliefs an der rechten Ostwand, den heiligen Georg und Mutter Anna selbdritt darstellend, weisen kunsthistorisch ins ausgehende Mittelalter. Sehr ausdrucksvoll ist die Darstellung des Gekreuzigten an der Südwand. Das Schnitzwerk des Körpers und der Leidensausdruck des Erlösers sind mit Meisterhand gestaltetet. Das übertünchte Carnat ist leider etwas missglückt. Noch mehr aber ist zu bedauern, dass über den Meister, der dieses eindrucksvolle Kunstwerk gestaltet hat, nicht der geringste Anhaltspunkt vorhanden ist. Außerdem findet sich hier eine Fülle gotischer Figuren mit dem reichen bewegten Faltenwurf der Spätzeit: St. Katharina und St. Barbara um 1450, dann St. Stephanus, St. Martin und St. Gertrudis. Schönste ist die Mutter Gottes im linken Seitenaltar; sie trägt das gelockte Kind leicht auf ihren Armen, die Hand berührt sacht den kleinen Körper.“ Als ihr Entstehungsjahr wird 1480 angenommen. 

Der barocke Hochaltar unter dem Gewölbe des Chorraums mit zwei gedrehten, rebenlaubumwundenen Säulen, daran sich seitlich schwungvolles Rankenwerk fügt, dürfte im 18. Jahrhundert geschaffen worden sein. Das erst vor wenigen Jahren renovierte Altarblatt zeigt die Steinigung des Kirchenpatrons, des heiligen Stephanus. 

Heute führt die „alte Kirche“ neben der Straße ein bescheidenes Dasein. Ihre wertvollen Figuren sind längst ausgeräumt und zieren die neue Sankt-Barbara-Kirche. Viele Jahre diente sie den evangelischen Christen als Gotteshaus. Heute versammeln sich nur mehr an wenigen Tagen im Jahr, bei Klassentreffen, zu Goldenen Hochzeiten, an einem der Bitttage und am 26. Dezember, dem Namenstag des Kirchenpatrons, Stullner und Ehemalige zum Gottesdienst.

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